MENSCH

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Mensch. Vorgelesen von Andrea
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Wer hat hier seine Hand im Spiel,

beim Ast, der in der Klemme steckt,

in einem anderen Baum verkeilt.

 

Wer hat hier seine Hand im Spiel,

beim Moos, das über Stamm und Steine wächst,

ja, wie ein Fabelfell, ganz weich. 

 

Wer hat hier seine Hand im Spiel, 

wer hat hier seine Hand im Spiel

und wessen Ohr hört mit?

 

Wenn Füsse knirschend über Steine ziehen,

der Atem lauter wird, Motorenbrummen.

Wenn fremde Männer im Defender 

euch vom Weg abbringen

wollen – und ihr doch weiter geht, 

wenn dann der Wind nur über Wunden rauscht,

wo einst mal Wald war, – und wenn 

der Wind, der über Wunden rauscht, 

da auf ein Bächlein trifft, 

sich schliesslich Wind und Wasser

Wind und Wasser, an dich wenden, 

aufgewühlt und fragen:

 

Wer hat hier seine Hand im Spiel,

wer hat hier seine Hand im Spiel,

und wessen Ohr hört mit? 

 

Und dann die Nase in die Luft gehalten und nichts gerochen,

nichts gerochen, nichts. 

Und dann dem grossen Waldskelett nen kleinen Knochen 

abgebrochen, daran gerochen – nichts, nichts. 

Und dann darüber weg gestiegen, darunter durchgekrochen,

und nichts gerochen, nichts, nichts.

 

Und dann DOCH noch Trost gefunden 

Im unterwegs sein, auch mit anderen

was für ein Abenteuer wir da wagten.

Ja, fast wie damals, in den Kindertagen, 

die noch so gut gerochen haben.

 

Gerochen nach dem Holzstaub in der Schreinerei des Vaters,

gerochen nach gemähtem Gras an heissen Sommertagen,

gerochen nach den Kräutern im Garten rund ums Haus.

 

Gerochen nach Waldmeister, Kamille und nach Herzgespann.

Gerochen nach Pfefferminze. Lavendel und nach Thymian. 

 

Und daraus Tee mit süssem Honig auf meiner Kinderzunge. 

 

Mmmmmhhhhhh.

Und jetzt?

 

Stehe ich hier in einem Wald,

der keiner ist und schmecke 

nichts. Und rieche – nichts. Nichts. 

Bin nur noch Augentier mit Ohren,

seh all die Bäume wie Mikado-Stäbe 

so trostlos auf dem Boden liegen, unbewegt

und da und dort, an all den Hängen. 

 

Wer hat hier seine Hand im Spiel, 

wer hat hier seine Hand im Spiel,

und wessen Ohr hört mit

wenn ICH dieses Gedicht vortrage,

in Wort und Zeilen über die Zerstörung klage

die mir das Herz zerbricht.

 

Wer hat hier seine Hand im Spiel,

wer hat hier seine Hand im Spiel,

und wessen Ohr hört mit? 

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